Erste Moscheen geöffnet: ungleiche Muslim*innen

Viele Moscheegemeinden öffnen in diesen Tagen wieder für Gemeinschaftsgebete ihre Pforten. Doch ist die Entscheidung wirklich durchdacht? Ich habe meine Zweifel und habe zusammengetragen, warum eine Öffnung jetzt aktuell und schon gar nicht in dieser Form sinnvoll ist.

In der Tradition finden sich viele Beispiele dafür, wie sich Muslim*innen bei Seuchen und Krankheiten verhielten. Dazu gehören auch die Empfehlungen des Propheten Muhammad (saw), der selbst Delegationen ablehnte, die ihm den Treueschwur leisten wollten, als er hörte, dass unter den Menschen eine kranke Person war. [1] Auch die Quarantäne ist bei Infektionskrankheiten belegt, [2] ebenso wie das Ausharren bei Pandemien. [3] Der Islam will das Leben und die Gesundheit der Menschen schützen, genauso wie es auch den Schutz der Familie und des Besitzes propagiert. Menschenleben zu schützen, unabhängig von religiöser Orientierung, ist ein höheres Ziel der Scharia (maqasid) und damit eine Pflicht für alle Muslim*innen.

Die Öffnung von Moscheen, während eine Pandemie noch weitestgehend nicht eingedämmt ist, ist unter Schutzauflagen, aus meiner persönlichen Sicht, weiterhin keine gute und vernünftige Idee. Die Entscheidung, die Öffnung der Moscheen unter bestimmten Vorkehrungen zu erlauben, halte ich für verfrüht und nicht gänzlich durchdacht. Auch aus ästhetischer Sicht muss man kritisch sein: Der Anblick von Menschen, die sich an Abstandsregeln in Moscheen halten, dabei Masken tragen und an ausgewiesenen Stellen ihre Gebetsteppiche auf den Boden werfen, erinnert eher an Sekten, die sich zur Mediation einfinden, als an vernünftige und gottesfürchtige Muslim*innen.

Öffnung von Moscheen schafft neue Probleme

Das sich durch die „schrittweise“ Öffnung der Moscheen, wie es der Koordinationsrat der Muslime (KRM), aber auch lokale Landesverbände wie die SCHURA Hamburg oder Niedersachsen vorgesehen haben, neue Probleme ergeben, scheint nicht ganz klar gewesen zu sein. Auch scheint das „Maßnahmenpaket“ [4] von KRM und Co. in seiner Ausführung nicht immer praktikabel zu sein. Das zeigen Bilder, auf denen zu erkennen ist, dass zwar die Mindestabstände eingehalten werden, aber der Mund-Nasen-Schutz beim Gebet nicht aufrechterhalten wird, als auch, dass die räumliche Belüftung bei kleineren Moscheen gar nicht gegeben ist.

Man scheint das Thema insgesamt auf die leichte Schulter zu nehmen, auch wenn es einzelne Verbände gibt, die erklärt haben, dass ihre Moscheen vorerst nicht öffnen werden. Der Öffnungsdiskurs, der nicht nur auf die Moscheen in dieser Pandemie begrenzt ist, scheint jedenfalls die Öffnung der Moscheen dennoch vorangetrieben zu haben. Fleißig teilen Gemeinschaften Bilder von Tarawih-, Freitags- und Zeit-Gebeten. Dabei immer mit dem Hinweis, man halte sich an die Vorgaben. Doch diese Vorgaben und die Umsetzung schaffen insgesamt neue Probleme und Ungleichheiten, über die bisher kaum gesprochen wird.

Exklusivität der Angebote – Manche Muslim*innen sind gleicher als andere

Es ist mitnichten so, dass es für alle Moscheen gilt, die gerade geöffnet haben, aber es lässt sich doch verallgemeinernd vieles festhalten: Viele Moscheegemeinden schließen bestimmte Teilnehmer*innen von den Gebeten aus. Beispielsweise sind Fälle bekannt, in denen Menschen, die zur Risikogruppe gehören, gleich von vornherein die Teilnahme abgeraten und auch verwehrt wurden – unabhängig vom Gesundheitszustand. Eine gewisse Altersdiskriminierung ist nicht von der Hand zu weisen.

Dazu kommt, dass es bestimmte Verfahren von Gemeinden zu Gemeinde gibt, die auch exklusiv sind und von vornherein bestimmte Personen ausschließen, wenn diese keinen Zugang zu den Gemeinden haben oder zu technischen Hilfsmitteln. Beispielsweise nimmt eine Moschee nur Personen auf, die sich vorher per WhatsApp bei einem Gatekeeper registrieren. Wie schnell das zur Ausgrenzung ganzer Gruppen führt, zeigen auch zahlreiche Beispiele, in denen Moscheen zwar öffnen, aber nur für Männer.

Die Frauenbereiche bleiben in den meisten Fällen verschlossen und das Gemeinschaftsgebet wird nur Männern zugänglich gemacht. Eine klare Erklärung dafür, warum das so gehandhabt wird, wird nicht geliefert. Die Vorstände reagieren ausweichend, was auch daran liegt, dass in den Vorständen von klassischen Moscheeverbänden kaum Frauen vertreten sind. Auch die sprachlichen Barrieren nehmen zu. Es mehren sich Fälle, in denen die Öffnung der Moscheen auf mehreren Sprachen verkündet, aber im Grunde nur in einer Ausgangssprache zur Teilnahme aufgerufen wird.

Eigentlich sollen Gebetsräume allen offen stehen

Die aktuelle „Lösung“ sieht auch einen Einschnitt vor, der bisher immer undenkbar war: Menschen von den Gebeten und dem Eintritt in Gebetsräume abzuhalten, egal, ob es einen Disput gibt oder nicht, egal was für ein Hintergrund die Person hat, war eigentlich nie vorgesehen. Selbst Kritiker*innen von Moscheegemeinden war die Teilnahme an Gebeten in den Gebetsräumen so gut wie kaum versagt worden.

Das ändert sich gerade stark. Neben der Exklusivität werden auch Menschen aufgrund übereifriger Gatekeeper in den Vorständen von Gebeten ausgeschlossen, an denen sie teilnehmen wollten. Mehrere Fälle bestätigen, dass es hier einen Missbrauch von Machtstrukturen gibt und auch überall unbehelligt geben kann, wenn sich die Betroffen nicht öffentlich äußern oder gegen die Ausgrenzung vorgehen.

Datenschutz und Kontrolle fehlt – Was passiert bei einer Infektion?

Ein weiteres Problem stellt der Datenschutz dar. Beispielsweise sollen in Listen Namen eingetragen werden. Vielfach findet die Kommunikation über Messenger-Dienste wie WhatsApp statt. Es ist unklar, was mit den Daten geschieht und wie sie verarbeitet werden. Es fehlt fast immer einer Datenschutzerklärung und auch eine Erklärung zur Verarbeitung der Daten. Nicht mal die Verbände haben genau dargelegt, wie die Datenverarbeitung aussehen soll. Das sind in Zeiten, in denen wir über die DSGVO klarere Verhältnisse haben, unverantwortliche Zustände.

Dazu kommt ein anderer Aspekt: Was passiert im Falle des Falles? Es gibt bisher kein öffentliches Protokoll zum Vorgehen, wenn sich herausstellen sollte, dass eine Person mit COVID-19 an einem Gebet teilgenommen hat. Es ist unklar, ob beispielsweise die Moschee geschlossen wird, welche Personen informiert werden, über den Vorfall und wer die Teilnehmer*innen letztlich über eine mögliche Infektion und Corona-Verdacht informiert. Auch ist unklar, wer beispielsweise für ein fahrlässiges Verhalten in solchen Fällen haftet.

Längst nicht alle Moscheen haben beispielsweise entsprechende Versicherungen. Sind im Zweifelsfall Muslim*innen eigenverantwortlich? Oder kann man die Moscheegemeinde, den Imam oder den Vorstand in Haftung nehmen, weil sie die Gesundheit von Menschen leichtfertig gefährdet haben? Es fehlt an einer klaren Kontrolle und an klaren Protokollen. Solche Unsicherheiten können später zu unabsehbaren finanziellen Folgeschäden führen.

Fazit – Spiel mit Menschenleben

Bisher hat die „Lösung“ in den Gemeinden meine Person überhaupt nicht überzeugt. Ich sehe an vielen Stellen Defizite, wie ich auch oben erläutert habe. Es bleibt natürlich Muslim*innen selbst überlassen, ob sie sich der Gefahr einer möglichen Ansteckung aussetzen und an merkwürdig anmutenden Gemeinschaftsgebeten teilnehmen wollen. Die islamische Linie wäre es, sich einem möglichen Infektionsherd zu entziehen und weiterhin zu Hause zu beten. Das scheint aber für viele Moscheegemeinden, die jetzt öffnen, keine adäquate Lösung zu sein. Sie bestehen auf einem Grundrecht (Religionsfreiheit) und wollen alles besser machen. Tatsächlich haben sie aber nach meiner Einschätzung keine Lösung für kommende Probleme.

Wenn die ersten Corona-Fälle in Moscheen bekannt werden, dürfte das jedoch auch weitere Schäden verursachen, als nur an der Gesundheit der Menschen. So mancher Vorstand mag zwar denken, dass das Spielen mit Menschenleben keine Konsequenzen nach sich ziehen wird und eine Zuordnung zur Moschee als Infektionsherd sehr schwierig sei, aber er irrt sich. Tatsächlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass neben finanziellen Einbußen, Imageschäden auch komplette Schließungen von Gemeinden folgen können. Die Behörden jedenfalls, darauf deuten auch erste Hinweise, sind auf der Hut und wollen auch unangekündigte Kontrollbesuche in den Gemeinden abstatten.

Ich persönlich rate dringend zur Vernunft. Es ist aktuell noch nicht die Zeit in die Moscheen zurückzukehren und an Gemeinschaftsgebeten teilzunehmen. Wir brauchen mehr Geduld und vor allem mehr Weitsicht. Es ist gut, wenn einige Gemeinden zwischen Nutzen und Risiko abgewägt und für sich entschieden haben, dass sie nicht öffnen. Diese Entscheidung scheint ja eine vernunftorientierte Basis zu haben. Worauf jedoch die davon unabhängige und unbedingte Öffnung von anderen Moscheen basiert, darf sich jede Person selbst ein Urteil bilden.

Quellen:

[1] Muslim, Selam, 126; Ibn Madscha, Tibb, 44

[2] Kettani, I 359

[3] Bukhari, Tibb, 30; Muslim, Selam, 92-100

[4] http://koordinationsrat.de/koordinationsrat-der-muslime-veroeffentlicht-16-massnahmen-plan-mit-ratgeber-zur-schrittweisen-moscheeoeffnung

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