Nach unseren eigenen Familien und Angehörigen sind unsere Nachbarn uns die nächsten Menschen. Man begegnet der Hausgemeinschaft fast jeden Tag, obwohl sie nicht zur Familie gehören. Obwohl die Begegnung irgendwie stattfindet, bleiben uns unsere Nachbarn oft nur fremd. Gerade Muslim*innen muss es jedoch ein Anliegen sein etwas an solch einem Nebenher im Zusammenleben zu ändern. Die Pflege der Nachbarschaft gehört zu den religiösen wie moralischen Pflichten von Muslim*innen. Denn nur eine funktionierende Nachbarschaft kann zu einer funktionierenden Gesellschaft beitragen.

Nachbarschaft in Deutschland

Gute Nachbarschaft ist in vielen Teilen Deutschlands ein Fremdwort. Oft hat man mit den Nachbarn eher ärger als eine gute Beziehung. Selbst wenn man sich gerade nicht über die eigenen Nachbarn ärgert, ist die Kommunikation mit diesen oft auf ein Minimum eingeschränkt. Verständlicherweise wollen viele einfach in Ruhe gelassen werden. Gerade deshalb lesen wir aber auch viel über Nachbarschaftsstreitigkeiten. Nachgestellte Nachbarschaftsstreitigkeiten gehören außerdem zum regulären Programm in TV- und Streaming-Angeboten.

Auf der anderen Seite beschränkt sich die Kommunikation mit Nachbarn im Alltag oft nur auf ein „Hallo“ im Flur. Und leider leben wir auch in einem Land, in dem Nachbarn sterben können und ihr Tod jahrelang unentdeckt bleibt. Verwahrlosung und Vereinsamung sind Bestandteil des Zusammenlebens in Deutschland. Mann kann aber an diesen Zuständen etwas ändern. Gerade Muslim*innen können sich auf die Stärken der eigenen Religion und der moralischen Maßstäbe zurückbesinnen und sich für das Wohl der Gesellschaft und Gemeinschaft öffnen und einsetzen.

Nachbarschaft pflegen: Eine religiöse Pflicht

Die gute Nachbarschaft ist als Thema so wichtig für Muslim*innen, dass es auch im Koran erwähnt wird. So heißt es in der Sura Nisa, Vers 36:

„Und dient Allah und setzt Ihm nichts an die Seite. Und seid gut zu den Eltern, den Verwandten, den Waisen, den Armen, dem Nachbarn, sei er einheimisch oder aus der Fremde, zu den Kollegen, den Reisenden und zu denen, welche ihr von Rechts wegen besitzt.“

Der Koran: Sura Nisa, Vers 36

Der große malikitische Koran-Mufassir (Kommentator, Exeget) Imam Qurtubi (ra) schreibt in der Erläuterung dieses Verses:

„Siehst du nicht? Allah hat nach dem guten Behandeln der Eltern und der Verwandten, auch die Nachbarn erwähnt und befohlen ihre Rechte zu achten.“

Imam Qurtubi (ra)

Ein wichtiger und erwähnenswerter Punkt bei diesem Vers ist auch die Unterteilung der Nachbarn in nah und fremd, oder einheimisch und fremd. Als nahe Nachbarn werden diejenigen Nachbarn bezeichnet, die Tür an Tür miteinander wohnen. Fremde Nachbarn sind jene, die örtlich gesehen nicht nebeneinander wohnen, aber trotzdem als Nachbarn gezählt werden müssen.

Wer gehört zu den Nachbarn? – Eine Frage der Auslegung!

Es gibt keine klare Abgrenzung einer Nachbarschaft in Bezug auf ihre Größe. Beispielsweise vertrat Aischa (ra), Mutter der Gläubigen, die Auffassung, dass in einem Umkreis von 40 Häusern alles zur Nachbarschaft zählt. Ali (ra), Schwiegersohn des Propheten (saw) und recht geleiteter Kalif, vertrat diesbezüglich die Auffassung, dass in einem Umkreis in dem man die Stimme noch hören kann, alles zur Nachbarschaft zählt.

Diese unterschiedliche Interpretation des Rahmens muss so gedeutet werden, dass der Bereich für die Nachbarschaft absichtlich groß gehalten werden muss, um ein besseres gesellschaftliches Engagement und Verantwortungsgefühl zu bewirken. Dies muss aber nicht zwangsläufig die einzige Erklärung sein. Als fremde oder entfernte Nachbarn gelten auch diejenigen Personen, die zwar Tür an Tür mit Muslim*innen wohnen, aber selbst keine Muslim*innen sind. Auch für diese Nachbarn muss man sich als Muslim*innen verantwortlich fühlen.

Die Sunnah sagt: Tue deinen Nachbarn Gutes!

Und in den „Gärten der Tugendhaften“ (Riyad us Salihin) finden sich auch diese bekannten Aussprüche des Propheten Muhammad (saw):

„Wer an Allah und den Tag der Abrechnung glaubt, der soll seinem Nachbarn Gutes tun.“

Prophet Muhammad (saw)

„Wer an Allah und den Tag der Abrechnung glaubt, der soll seinem Nachbarn kein Unrecht tun.“

Prophet Muhammad (saw)

Allah (swt) und sein Gesandter (saw) haben die Muslim*innen also durch den Koran und auch durch die Sunnah klar dazu aufgefordert zu allen Nachbarn, unabhängig von ihrer Abstammung und ihrer Religion, barmherzig zu sein. Daran ändert auch ein unterschiedlicher Glaube nichts und auch das Vorbild der Prophetengefährten (ra) spricht Bände über die gute Nachbarschaft. Schließlich war gute Nachbarschaft auch immer wieder das erste Zeichen für viele Menschen den Islam als eine schöne Religion zu begreifen und den Islam als ihre eigene Religion anzunehmen.

Gute Nachbarschaft ist eine Frage des wahrhaften Glaubens!

Die Aussprüche und Berichte vom Propheten Muhammad (saw) in Bezug auf die Nachbarschafts-Pflege lassen aufschrecken. In mehreren Hadithen wird deutlich, dass die Pflege der Nachbarschaft so wichtig ist, dass man ohne eine gute Nachbarschaft kaum einfach so durch die Tore des Paradieses eintreten kann. Die Erläuterungen zu diesen Überlieferungen gehen allerdings davon aus, dass die Überlieferungen vor allem als Weckruf dienen und die Muslim*innen dazu bewegen sollen, sich selbst und ihr Verhalten im Lichte des Glaubens zu reflektieren.

Wer als Muslim*in gut sein will, muss auch eine gute Nachbarschaft pflegen – so und nicht anders sollte die Interpretation sein. Es ist also ein Ansporn auf die Nachbarschaft besonderen Wert zu legen – insbesondere als Muslim*innen. Vor allem aber warnen die Überlieferungen vom Propheten Muhammad (saw) all diejenigen, die der gesellschaftlichen Verantwortung entfliehen möchten und zur Spaltung aufrufen. Auch kann eine Parallelgesellschaft, die sich von der Mehrheitsgesellschaft abkapselt, keine (islamische) Lösung sein. Muslim*innen sind angehalten sich aktiv und sozial für ihre Gesellschaft einzubringen.

Was kann man für eine gute Nachbarschaft mindestens tun?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es heutzutage sogar empfohlen wird keinen Kontakt zu den eigenen Nachbarn zu pflegen, weil man sich ja immer streiten könnte. Es gibt aber keinen vernünftigen Grund, warum man nicht die wenigsten Punkte für eine gute Nachbarschaft einhalten sollte. Dies bedeutet sich beispielsweise zu grüßen, wenn man aufeinander im Treppenhaus trifft. Ebenso gehört es sich für einen sauberen Durchgang im Treppenhaus zu sorgen. Man sollte gerade die Ruhezeiten achten und versuchen niemanden unnötig zu stören.

Darüber hinaus ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man den Nachbarn beim Tragen hilft, wenn man sieht, dass diese damit überfordert sind. Gerade in Corona-Zeiten ist es auch wichtig, den älteren Nachbarn Hilfe anzubieten. Dass man den alten Nachbarn bei ihren Einkäufen hilft, dass man die kranken Nachbarn besucht und im Todesfall den Nachbarn kondoliert, sollte zu einem ordentlichen Umgang gehören. Ebenso kann es auch eine gute Geste sein, Pakete und Lieferungen für die Nachbarn entgegenzunehmen, wenn diese nicht da sind. Es sind also Regeln des normalen Umgangs, die man mindestens einhalten sollte.

Muslim*innen sollten die Feste nutzen für ein besseres Miteinander

Ebenso bietet es sich an, gerade bei muslimischen Festen, hin und wieder den Nachbarn kleine Geschenke zu überreichen. Gerade beim Opferfest kann dies auch in Form von Essen geschehen, ebenso wie es beim Ramadan-Fest in Form von Süßigkeiten oder Süßspeisen geschehen kann. Auch eine Einladung zu einem türkischen Tee oder Ähnliches wäre nicht verkehrt. So kommt man ins Gespräch und kann einander auch eventuell helfen.

Das sind aber nur ein paar minimale Empfehlungen. Der Alltag kann anders aussehen und auch vielfältiger und besser gestaltet werden. Es gibt zwar kein Patentrezept für eine gute Nachbarschaft, aber man kann, um es kurz zu sagen, all das tun, was man auch für sich selbst von einem guten Nachbarn wünschen würde. Um es frei mit Gandhi zu sagen:

“Man kann selbst die Änderung sein, die man sich für diese Welt wünscht.”

Gandhi

Beispiel vom Propheten (saw) für eine gute Nachbarschaft

Die wohl bekannteste Geschichte über Nachbarschaft und die Nachbarschaftspflege ist die vom Gesandten Allahs (saw).

Dieser hatte einen nicht-muslimischen Nachbarn, der ständig jeden Tag seinen Müll vor der Haustür des Gesandten Allahs (saw) deponierte. Der Prophet (saw) ertrug diese Angriffe still und leise und beschwerte sich nicht darüber. Doch als eines Tages der Müll nicht wie gewohnt vor seiner Haustür deponiert war, machte sich Allahs Gesandter (saw) sorgen um seinen Nachbarn und besuchte ihn Zuhause. Der Mann war tatsächlich erkrankt und der Besuch führte zu einem besseren Verhältnis.

Dieses Beispiel vom Propheten (saw) ist ein Mahnmal für Alle, die versuchen sich von der Gesellschaft loszusagen und ihren Islam in ihren vier Wänden leben zu wollen. Selbst der Gesandte Allahs (saw) war um seinen Nachbarn, der Müll vor seiner Haustür deponierte, besorgt. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die Nachbarschaft so wichtig ist, dass man selbst gegenüber denen barmherzig sein muss, die einen den Müll vor die Haustür stellen.

Beispiel von Abdullah Ibn Umar (ra) für den Umgang mit Nachbarn

Abdullah ibn Umar (ra) ließ seinerzeit das Fleisch eines geschächteten Lamms an seine Nachbarn verteilen. Er ordnete dabei an, dass das geschächtete Fleisch zuerst bei den nicht-muslimischen Nachbarn verteilt wird. Abdullah ibn Umar (ra) räumte damit seinen nicht-muslimischen Nachbarn ein Vorrecht am Fleisch ein und bevorzugte sie ausdrücklich.

Dieses Beispiel macht vor allem deutlich, dass die Nachbarschaft zu denen, die uns fremd und fern sind, stärker gepflegt werden muss, als zu denen, die uns nah sind. Es darf zudem keine Bevorzugung in der Nachbarschaft geben, nur weil diese Muslim*innen sind.

Beispiel für gute Nachbarschaft unter Sultan Mehmet Han

Sultan Mehmet Han (Fatih der Eroberer) ging einst verkleidet auf den Bazar, um zu sehen wie es um die Moral, aber auch um die Qualität der Waren im Land bestellt war.

Als er beim ersten Händler einkaufen wollte, gab dieser ihm nur einen Teil seiner gewünschten Waren und verwies den Sultan auf seinen Nachbarn unter den Händlern. Dieser habe die entsprechenden Waren in besserer Qualität und noch keinen Gewinn gemacht, benötige aber das Geld für seine Familie, sagte der erste Händler über den zweiten.

Der Sultan ging zum zweiten Händler und versuchte seinen Einkauf bei diesem zu komplettieren, aber auch hier bekam er nur einen Teil seiner Waren, und der Händler erklärte, er habe zwar Gewinn gemacht, aber die weiteren Waren bei seinem Nachbarn, seien von noch besserer Qualität und dieser habe auch Verkäufe nötig, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Der Sultan war beeindruckt von dieser Einstellung und dem Zusammenhalt der Händler und auch von der Qualität der Waren. Es waren immer nur gute Waren, aber fast jeder Händler wies auch auf seinen Nachbarn hin, dem es vermeintlich am Verkauf und Gewinn mangelte. Keiner war ausschließlich am alleinigen eigenen Profit interessiert, sondern daran, dass es allen gut ging.

Der Sultan sagte zur Situation:

„Mit dieser vorbildlichen Moral kann dieses Volk die Welt für sich gewinnen. Möge Allah diejenigen verfluchen, die die Moral und Sitte des Volkes kaputt machen.“

Fatih Sultan Mehmet
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