Seitdem die Moscheen geschlossen bleiben, suchen die großen Verbände und einzelnen Gemeinden nach öffentlichen Plattformen, in denen sie ihre Angebote auslagern können. Während am Anfang diese Angebote angeschaut wurden, macht sich langsam bemerkbar wie wenig ansprechend die Angebote im digitalen Raum gestaltet sind. Die Zuschauer bleiben bei vielen Formaten aus. Das liegt auch an der Qualität. Ein kleiner Einblick.

Die SCHURA Hamburg hat schnell geschaltet. In einer gemeinsamen Aktion haben sich mehrere Imame vor die Kamera gestellt und jeweils eine Ersatzpredigt zum Freitagsgebet aufgenommen. Doch das Angebot wurde bisher auf YouTube kaum nennenswert angesehen. Das erfolgreichste Video hat noch keine 1.000 Aufrufe. Die Freitagspredigten, immerhin in verschiedenen Sprachen, wurden diese Woche kaum angeschaut. Nur ein Video hat über 100 Aufrufe erhalten, glaubt man der Statistik von YouTube. Das wirkt wie ein Armutszeugnis. Doch die SCHURA ist mit dem Problem nicht allein. Die Angebote im digitalen Netz werden immer weniger angenommen.

Der DITIB Bundesverband hat eine Koranlesung online gestellt. Die sog. Mukabala gehört zur Tradition im Ramadan. Das gemeinschaftliche Lesen des Koran zog allerdings deutlich mehr Zuschauer auf sich (1.399 innerhalb von 10 Stunden) als die Freitagspredigt von heute (108 Aufrufe) auf YouTube. Bei wohlgemerkt über 6.800 Abonnenten des Videokanals. Erfolgreicher dagegen ein Anleitungsvideo um einen Ramadan Kalender aufzustellen. Auf türkisch, über 5.800 Aufrufe.

Best-Practice-Beispiel kommt von der IGMG

Ganz anderes Bild hingegen bei Camia TV. Das Angebot ist ziemlich neu, hat aber bereits über 17.000 Abonnenten. Das liegt daran, dass in einer großen PR-Aktion für den Kanal auf allen IGMG-Plattformen geworben wurde. Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) steckt hinter dem YouTube-Kanal. Es treten bekannte Prediger der Szene auf, darunter auch der Vorsitzende des Vereins, Kemal Ergün. Hier zeigt sich ein ganz anderes Bild. Die Zahlen gehen immer wieder in die Tausende, manchmal auch deutlich über die 10.000.

Das liegt an der professionellen Aufmachung, der immer wieder anteasernden Videos aber auch den Zeitplänen, die eingehalten werden. Es bleibt nicht bei einfachen Dienstleistungen, sondern Gesprächen, Vorträgen und auch Ratgebern für islam-theologische Fragen. Interessant war auch eine Runde mit dem IGMG-Vorsitzenden, wo ihm Fragen gestellt werden konnten. Camia TV bekommt außerdem viel Werbung und Raum im IGMG-Kontext. Bis zum kleinsten Mitglied machen die Menschen nach Aufrufen auf das Angebot aufmerksam. Es scheint hier eine andere Form der Bindung zu geben, als bei anderen Gemeinschaften.

Doch auch hier gilt: Je häufiger eine Person auftritt, desto weniger wird zugeschaut. Durch das wechselnde Prediger-Team bleibt es aber kaum bemerkt und für den Zuschauer auch abwechslungsreich. Für den Ramadan hat der Kanal auch einen eigenen Sendeplan erstellt. Es bleibt abzuwarten, ob das Angebot nicht irgendwann ins Radar der Medienanstalten gerät, wenn es in diesem Tempo weitermacht. Es dürfte dann eine sog. Rundfunklizenz fällig werden. Schaden würde es dem Format nicht. Auf der anderen Seite bleibt das Angebot ausschließlich türkisch.

Auslagerung bestehender Angebote ist schwierig

Einzelne und kleinere Moscheegemeinden haben auch angefangen ihre Lehrangebote ins Netz zu verlagern. Koranunterricht über den PC oder das Tablet ist mittlerweile ein praktisches Angebot, aber auch hier zeigt sich, dass das Interesse eher mau ausfällt. Die einzelnen Angebote kleinerer Gemeinschaften bleiben weit unter dem möglichen Niveau. Hörten beispielsweise einer Predigt in einer einzelnen Moschee über 1.000 Personen am Freitag zu, so sind es im Netz nur ein paar Dutzend. Das zeigt, dass die räumliche Verpflichtung auch die Moscheen dazu getrieben hat an der Qualität ihrer Predigten und Angebote nicht weiter zu schrauben. Jetzt rächt sich das. Die Predigten müssen verbessert werden.

Wo gute Imame gearbeitet haben, versucht man jetzt vergebens die Digitalisierung voranzubringen. Doch die Entwicklung gilt nicht nur für die neuen Angebote. Sieht man sich das salafistische und extremistische Spektrum an, merkt man schnell, dass noch vor ein paar Jahren deutlich mehr Personen den einschlägig bekannten Predigern zugeschaut haben. Die Wirkung ist verflogen. Zum einen aufgrund der immer größer werdenden Aufklärungsarbeit, zum anderen, weil auch diese Formate an Anziehungskraft verlieren und sich in diesem Bereich auch viele Akteure die gegenseitige Reichweite klauen. Es reicht nicht einfach eine Kamera einzuschalten und ein Video zu produzieren. Heutige Experten in diesem Bereich stehen vor GreenScreens und lassen sich gekonnt mit ordentlicher Belichtung und Make-up in Szene setzen, bevor sie ihre Verschwörungstheorien, Opfermythen oder ihren Hass an die Zuschauer bringen.

Inhalt und Präsentation müssen stimmen – DITIB Jugend hat gut vorgelegt

Doch auch hier gilt: Wenn der Inhalt nicht stimmt, hilft auch die beste Präsentation nicht weiter. Frontalunterricht funktioniert genauso wenig, wie immer die gleichen Floskeln und Gesichter in Videos zu sehen, die einen nicht mal anblicken. Wenn die Predigt so langweilig ist wie in der Moschee und keinen Mehrwert bietet, dann wird sie auch nicht angeschaut. Tatsächlich stellt die Digitalisierung Verbände wie Moscheen vor neue Herausforderung. Es reicht nicht mehr aus, einfach zu tun, was man immer getan hat. Man muss es auch didaktisch gut machen und ordentlich präsentieren. Statt Monotonie muss es auch mehr Abwechslung geben.

Ein Player, der das aus meiner Sicht sehr gut macht, ist gerade die DITIB-Jugend. Diese hat sich als BDMJ auf Instagram einen Channel aufgebaut, der immer wieder Predigten, Vorträge, Gesprächsrunden und auch Hangouts angeboten hat. Das Zielpublikum ist auf Instagram unterwegs und die jungen Menschen schalten ein. Selbst wenn die Videos verpasst werden, schauen sich mehrere hundert Jugendliche die Videos auch später noch an. Die Statistiken bleiben hier nur sehr vage.

Nach meinem Einblick hat der BDMJ bereits mehrere zehntausend Jugendliche so erreicht. Dazu kommen spezielle Sonderformate, wie Webinare, die erst nach Anmeldung wahrgenommen werden konnten und zum Teil sehr gut besucht waren. Insgesamt wird hier das Potenzial weiter ausgebaut und die Möglichkeiten zur Kommunikation mit den eigenen Jugendlichen voll ausgenutzt. Allerdings stockt das Angebot gerade, weil man vermutlich an einem neuen Ramadan-Programm bastelt. Die Abonnentenzahl hat sich hingegen gut gesteigert und liegt jetzt bei über 3.300.

Fazit und Ausblick

Die Angebote werden bei weiter ausbleibendem Publikum vermutlich nicht mehr den Aufwand wert sein. Es darf nicht überraschen, wenn einzelne Gemeinden ihre Versuche Videos online zu stellen erst einmal einstellen. Tatsächlich löst die Digitalisierung auch nicht das Grundproblem aktueller Moscheen. Es wird weiterhin Geld benötigt. Gerade Moscheen, die mitten in Baumaßnahmen waren, haben erhebliche Probleme. Das erwartbare Moschee-Sterben könnte jedoch im Ramadan richtig Fahrt aufnehmen. In diesem Monat kamen bisher die meisten Spenden für die Gemeinschaften und Gemeinden auf. Es ist zu erwarten, dass der Einbruch der Spenden weiter voranschreiten wird.

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