Zuallererst möchte ich allen Muslim*innen zum Beginn des Ramadan in diesem Jahr gratulieren. Es steht ein anspruchsvoller Ramadan an, der uns alle vor neue Herausforderungen stellt. Doch Moment: Nicht alle Muslim*innen sind gleich stark von den jüngsten Entwicklungen durch Corona betroffen. Wir vergessen viel zu oft, dass wir beispielsweise das Familienleben im Islam idealisieren. Doch viele der jüngeren Muslim*innen in Deutschland sind oft ohne Familie. Sie sind bewusst Singles. Auch viele haben einen Hintergrund als Konvertierte. Diese Muslim*innen sind an einen Ramadan ohne Familie, allein und auch in gewisser Weise in Isolation sowieso gewohnt.

Es ist vermutlich der erste Ramadan für viele von uns, der jetzt genauso abläuft, wie bei diesen Geschwistern im Islam. Und es bedrückt, das diesem Thema weiterhin kaum Beachtung geschenkt wird. Alle sprechen davon, dass sie ihre Moscheen vermissen oder das gemeinschaftliche Iftar. Was glaubt ihr, wie es Muslim*innen geht, die all dies nicht haben konnten oder ausschließlich darauf angewiesen waren? Der Islam ist ein sozialer Glaube. Doch die Gemeinschaft in vielen Moscheen ist nicht inkludierend und viele Muslim*innen fühlen sich bei vielen Angelegenheiten auch nicht wohl. Dieser Ramadan bietet daher eine große Chance.

Grundsatzfragen stellen und unsere Stellung als Muslim*innen verbessern

Wir können endlich mal die Grundsatzfragen stellen und darüber diskutieren, wohin es mit dem Islam in Deutschland hingehen soll. Wir können die Systemfrage stellen und die Fehler und Schwächen der bisherigen Aufstellung unserer Moscheen, die jetzt sehr stark nach Spenden schreien, analysieren und ausmerzen. Und wir können uns nicht zuletzt die Frage stellen, wie wir einen inklusiven Islam für alle gestalten können. Ein Islam, der nicht Geschwister ausschließt, weil sie kritisch sind, weil sie anders sind oder weil sie konvertiert sind. Ein Islam, der prophetischer Prägung ist und nicht durch Behelfsmittel so sehr verändert wurde, dass mehr finanzielle Aspekte eine Rolle spielen, als die Muslim*innen selbst, um die es eigentlich gehen sollte.

Dieser Ramadan ist eine Chance. Es ist auch eine Chance einen der vermutlich spirituellsten Monate aller Zeiten zu erleben. Es gibt in diesem Jahr keinen Zwang zur Gruppendynamik. Es stellt uns vor eine neue Herausforderung, die uns auch Möglichkeiten schafft, fern von Ablenkungen einen Ramadan ganz für Allah (swt) zu verbringen. Diese Chance sollten wir uns nicht entgehen lassen, zumal auch die Corona-Krise irgendwann vorbei sein wird.

In diesem Sinne wünsche ich allen Leser*innen einen gnadenreichen, segensreichen und spirituellen Ramadan. Möge Allah (swt) unser aller Fasten, unsere Tarawih-Gebete und unsere Werke auf seinem Wege annehmen.

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