Einigen Geschwistern macht das Fasten im Ramadan sehr zu schaffen. Es gibt auch Geschwister, die in diesem Fastenmonat zunehmen, obwohl das überhaupt nicht Sinn der Sache ist. Dazu kommen psychologische Belastungen, die erst Recht mit dem Coronavirus steigen können. Ein ausgewogenes Fasten, mit Körper und Seele, ist in diesem Jahr desto wichtiger. Machen wir diesen Ramadan zur großen spirituellen Erfahrung – auch ohne die üblichen Rituale mit der Gemeinschaft.

Stehen wir beispielsweise in der Nacht zum Sahur auf, essen eine Kleinigkeit und trinken wir natürlich viel (damit wir nicht tagsüber dehydrieren). Am Abend zum Iftar, nach dem Sonnenuntergang, sollten wir auf ausgewogenes Essen achten und uns nicht mit Süßigkeiten und Essen vollstopfen. Wusstet ihr beispielsweise, dass der Prophet (saw) sein Fasten oft nur mit Datteln und Wasser beendete? Es gab kein weiteres Essen. Ein Grund unser eigenes Fasten auch mit Datteln und Wasser zu beenden.

Allah liebt nicht die Verschwender. Deshalb sollte man auch nur soviel Essen bis man satt ist und es nicht mit dem Essen übertreiben. Ich kenne Familien, in denen ein 8–Gänge Menü durchaus die Regel ist. Tut euch und euren Gästen das bitte in diesem Jahr nicht an. Esst und fastet ausgewogen und zwingt niemanden dazu mehr zu essen, als sie möchte. Das Maß einhalten und die Mitte zwischen zu viel und zu wenig zu finden, ist das Ziel.

Ladet ein und folgt den Einladungen

Der Monat Ramadan ist auch eine Zeit der Familie und Freundschaften. Der Monat Ramadan möchte und soll die Zusammenarbeit und die Solidarität unter den Menschen stärken. Was liegt da näher als euren Iftar mit euren Familien und Freunden zu begehen? Grundsätzlich sollte man Einladungen zum gemeinsamen Iftar annehmen und, falls möglich, auch selbst einladen. In dieser schönen Zeit des Jahres kommt es auch darauf an zu teilen und vor allem die Bande zwischen Familien und Freunden zu stärken. Der Monat der Barmherzigkeit ist ideal dafür geeignet.

Doch gerade mit Blick auf Corona und den neuen Abstandsregeln ergeben sich neue und heftige Probleme. Muslim*innen, die beispielsweise nicht in einer Familie leben oder konvertiert sind, haben in diesem Jahr besonders große Probleme, weil sie den Einladungen nicht folgen und nicht die Gemeinschaft bei sich haben können.

Hier sollten wir Abhilfe schaffen. Laden wir uns gemeinsam zu Video-Calls ein, sprechen wir über gemeinsame Iftar-Veranstaltungen, die man online abhalten kann und über die man gemeinsam ins Gespräch kommt. Vereinbaren wir gemeinsame, private Anrufe und Gespräche – um uns allen das Gefühl zu geben: Wir sind füreinander da und wir fasten gemeinsam und wir passen auf uns alle gemeinsam auf. Und ein kleines Geschenk kann man sich gegenseitig auch mit Abstandsregeln zusenden.

Lest den Koran

Was gibt es schöneres, als den gnadenreichen Koran zu rezitieren und sich die ungefähre Bedeutung der Worte anzuschauen? Gerade der Monat Ramadan bietet uns allen die Möglichkeit, von seinen zahlreichen Gaben zu profitieren. Deshalb lest den Koran und versucht ihn komplett, mindestens einmal in diesem Monat durchzulesen. Vergesst nicht, der Koran wurde in diesem Monat das erste Mal an unseren geliebten Propheten Muhammad (saw) offenbart.

Es steckt so viel Barmherzigkeit in diesem Monat und wie könnte man den Monat des Koran ohne das Lesen des Koran al Karim verbringen? Wer kann, sollte mindestens einmal während des Monats Ramadan den Koran al Karim vollständig (hatim)gelesen haben, was mit reichlich Belohnung verknüpft ist.

Muqabala-Tradition

Vor allem in Moscheen und auch in Jugend-Einrichtungen von Muslim*innen gibt es zudem die Tradition der Muqabala, des Vortragens und gemeinsamen Lesens des Koran al Karim. Diese Angebote wurden sonst immer in den Moscheen gemacht. Aktuell verlagern die Gemeinden ihre Angebote ins Web. Wer in der Lage dazu ist, sollte diese Angebote nutzen, weil es auch – trotz der Virtualisierung – Gemeinschaftsgefühle zeigt. Gerade Live-Übertragungen sollten wahrgenommen werden.

Üblicherweise wird der Koran in den Moscheen kurz nach dem Morgengebet oder nach dem Mittagsgebet gemeinschaftlich gelesen. So wird der Koran gemeinschaftlich innerhalb eines Monats komplett zu Ende gelesen. Der Lohn für diese Form der gottesdienstlichen Handlung ist gewaltig.

Betet regelmäßig und ohne Ausnahme

Das Gebet des Gläubigen ist sein Miradsch (Himmelfahrt). Mit jedem Gebet das ihr verrichtet, steht ihr quasi vor Allah (swt). Was ist da naheliegender, als endlich ohne Ausnahme alle Gebete zu verrichten, anstatt nur freitags oder ab und an in die Moschee zu gehen und zu beten?

Lasst euch nicht von den Einflüsterungen des Schaitan beeinflussen. Fasst euch ein Herz und fangt diesen Ramadan an zu beten. Nutzt diesen Monat, um endlich voller Hingabe und voller Kraft eure religiöse Pflicht einen festen und vor allem stärkender Teil eures Lebens werden zu lassen.

Das Gebet ist eine der fünf Säulen des Islam.

Das Tarawih – Gebet (Das erquickende Gebet im Ramadan)

Das Tarawih–Gebet wird nur im Monat Ramadan verrichtet. Es ist Sunna Muakkada (das heißt der Prophet (saw) hat diese Handlung oft getan). Es gibt je nach Rechtsschule oder Richtung unterschiedliche Ansichten zum Tarawih–Gebet. Ich gebe hier die hanafitische Sicht wieder, die sich allerdings mit der Mehrheitsmeinung deckt. Für nähere Informationen ist schon die Lektüre eines großen Wälzers oder der Besuch beim hauseigenen Imam eine unumgängliche Pflicht.

Das Tarawih–Gebet hat zwanzig Rakat (Einheiten). Es ist auch Sunna für Diejenigen denen das Fasten nicht obliegt, weil sie krank sind und oder sich auf Reisen befinden, dieses Gebet zu verrichten. Es ist auch Sunna das Gebet in der Gemeinschaft in der Moschee zu verrichten. Allerdings ist es auch eine Sunna das Gebet zu Hause zu verrichten.

Das Tarawih–Gebet kann sowohl zu Hause als auch in der Gemeinschaft verrichtet werden.

Unser Prophet Muhammed (saw) sagte:

„Wer aus reinem Glauben und den Lohn von Gott erwartend die Nächte im Ramadan in gottesdienstlichen Handlungen verbringt, dem werden seine vergangenen Sünden vergeben.“

Riyad-us Salihin Band 2 S. 467

Die Verrichtung des Tarawih-Gebets

Das Tarawih–Gebet wird nach dem Nachtgebet (Al Iescha’) verrichtet. Es darf nicht vor dem Nachtgebet verrichtet werden. Das Witr – Gebet wird im Ramadan erst im Anschluss an das Tarawih–Gebet verrichtet. Es kann aber auch vor dem Tarawih–Gebet verrichtet werden.

Das Gebet umfasst 20 Rakat (Einheiten). Man kann das Gebet in zweier Schritten, d.h. jeweils zwei Rakat, danach ein Salam, bis man schließlich insgesamt 20 Rakat hat, verrichten. Es ist aber auch möglich das Tarawih–Gebet in vierer Schritten zu verrichten, d.h. jeweils vier Rakat, danach ein Salam, bis man schließlich insgesamt 20 Rakat hat.

In türkischen Moscheen ist es üblich das Gebet schnell zu verrichten. In arabischen Moscheen eher langsam und mit ausgiebigen Pausen. Meiner Meinung nach ist die letztere Handhabung auch angenehmer und trifft den Sinn eines Nachtgebets (Qiyam al lail) deutlich besser.

Tarawih-Gebete in Moscheen (ohne Corona)

Wer die Möglichkeit hat, sollte unbedingt an den gemeinschaftlichen Tarawih-Gebeten in den Moscheen teilnehmen. Imame werden euch in den ersten Tagen zudem genauer auf die Verrichtung des Gebets vorbereiten. Meine Empfehlung tendiert übrigens zu arabischen Moscheen in dieser Angelegenheit, weil das Tarawih-Gebet eben nicht hektisch verrichtet wird, sondern vor allem ruhig und voller Hingabe.

In einigen Moscheen ist es auch üblich, dass der gesamte Koran während der Tarawih-Gebete im Ramadan rezitiert wird. Diese Form wird auch in Mekka und Medina während des Ramadan durchgeführt. Wer die Möglichkeit, Zeit und auch die nötige Ausdauer hat, sollte diese Möglichkeit unbedingt nutzen.

Itikaf und Lailat ul Qadr

In diesem Monat gibt es die Möglichkeit Itikaf (das sich zurückziehen im Monat Ramadan) zu verrichten. Der Itikaf geschieht in den letzten 10 Tagen des gesegneten Monats Ramadan und ist vor allem für Muslim*innen eine Möglichkeit, sich ihrem Glauben stärker zu widmen. Er ist allerdings auch zeitaufwendig und benötigt auch den Verbleib in der Moschee, sodass er gerade in Deutschland, in diesem Jahr vermutlich nicht einfach so gemacht werden kann.

Genauso fällt auch die Lailat ul Qadr (Nacht des Schicksals) auf die letzten zehn Tage von Ramadan. Diese besondere Nacht gilt als segensreich, da in ihr der Koran al Karim offenbart wurde. Aus diesem Grund sollte man vor allem die letzten zehn Nächte des Ramadan noch einmal in sich gehen und noch intensiver diese zehn Tage und Nächte verbringen.

An andere Denken

Was wäre der Monat Ramadan, wenn man ihn nur für sich selbst leben würde? Aber leider passiert genau das. Wir schaffen es nicht, diesen Monat in seiner vollen Verantwortung zu verbringen. Ramadan bedeutet eben nicht nur fasten, nicht nur religiöse Handlungen vorzunehmen, es ist der Monat der Gemeinschaft.

Was ich jedes Jahr im Ramadan vermisse, ist Folgendes. Wir denken nicht an die Menschen um uns herum. Ja sicher, jeder von uns zahlt seine Zakatul Fitr (Fitre – in diesem Jahr übrigens 10 €) oder seine Zakat. Einige von uns geben auch sicherlich mal hin und wieder eine Sadaqa.

Aber mal ehrlich, wer von euch hilft auch mal seinen Nachbarn? Wer von euch fragt seine Geschwister im Islam, ob sie sorgen haben? Wie viele von euch engagieren sich für eine bessere Gesellschaft? Wie viele von euch helfen den Menschen, die gerade nicht genug zu essen haben? Wie viele von euch helfen beim Einkauf des täglichen Bedarfs für ältere Menschen?

Denkt an euer Umfeld

Wir geben jedes Jahr so viel Geld für die Hilfe in anderen Ländern aus. Die Zakat geht insbesondere hierfür mit drauf. Aber liebe Geschwister, was ist mit den Armen, die um uns herum sind? Müssten wir nicht zuerst an die Menschen hier denken? An die Menschen um uns herum? An die Obdachlosen, die auch ein Anrecht auf Beachtung durch uns verdienen?

Seid gerade in dieser Corona-Zeit einfach nicht egoistisch und fragt und spricht mit eurem Umfeld. Ein jeder hat seine Sorgen, die er nicht einfach so mit euch teilt. Aber das Fragen hilft, vielleicht sein Herz auszuschütten. Und auch nur zuhören, einer Person beistehen und gemeinsame Aktionen für die Bedürftigen zu planen und durchzuführen sind Dinge, die diesen Monat erst zu einem echten Ramadan werden lassen.

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