Immer wieder gibt es in Deutschland Diskussionen um die noch recht junge, universitäre Disziplin „Islamische Theologie“. Doch während sich die meisten Debatten um die Ausbildung und Perspektiven von Absolventinnen und Absolventen dieser Studienrichtung drehen, gibt es kaum Daten und Fakten zu Studierenden an den mittlerweile elf verschiedenen Standorten in Deutschland. Eine neue Expertise schafft ein bisschen mehr Klarheit und liefert Zahlen und Fakten.

Wer studiert eigentlich islamische Theologie oder Religionspädagogik? Welche Motive treiben Studentinnen und Studenten um, die sich für diese Studiengänge entschieden haben? Welchen Hintergrund haben die Studierenden in diesen Studiengängen? Fragen, auf die bisher nur allgemein und von Standort zu Standort geantwortet wurde. Eine aktuelle Expertise der Soziologin Lena Dreier und des Erziehungswissenschaftlers Constantin Wagner im Auftrag der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) liefert interessante Erkenntnisse und bestätigt zugleich erste Vermutungen.

jung, weiblich, nicht-akademischer Hintergrund

Die am Montag (30. März 2020) unter dem Titel „Wer studiert Islamische Theologie? Ein Überblick über das Fach und seine Studierenden“ veröffentlichte Expertise nimmt zum ersten Mal Studierende der Islamischen Theologie genauer in den Blick. Dafür wurden nicht nur allgemein zugängliche Zahlen betrachtet, sondern auch 71 narrative Interviews geführt, die in die Expertise mit eingeflossen sind. Zu den Kernergebnissen gehört, dass ein Großteil der heute rund 2.500 Studierenden aus jungen Studentinnen besteht. Ebenso wird deutlich, dass die meisten Studierenden zu den Ersten in ihren Familien gehören, die studieren.

Eine deutliche Mehrheit der Studierenden sieht sich dem Islam verbunden, empfinden sich als religiös und auch zu einer Gemeinde zugehörig. Dazu kommen aber auch Angaben wie, dass Deutsch nicht die Muttersprache der Mehrheit dieser Studierenden ist oder dass Diskriminierungserfahrungen in der Schule auch zur Aufnahme des Studiums bewogen haben. „Die Vorerfahrungen der muslimischen Studierenden und ihre Adressierung als Muslim_in ist für sie als Teil ihres Studiums der Islamischen Theologie zentral“, sagt Lena Dreier, Mit-Autorin der Expertise, hierzu zusammenfassend.

Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen für die Islamische Theologie

Interessant ist auch, dass die meisten Studierenden zuerst auf die Nähe des Standortes zum eigenen Zuhause schauen, bevor sie sich über die Qualität, den Ruf, die Personen oder die Inhalte Gedanken machen. Für die Wahl des Studienganges spielen vor allem religiöse Motivation aber auch gesellschaftspolitische Motivation eine große Rolle. Hier zeigt sich auch, dass die Studierenden sich aufgrund der politisch-geladenen Diskurse für das Studium der Islamischen Theologie entschieden haben. Nicht wenige wollen das Islam-Bild in Deutschland positiv besetzen – auch als Islam-Experten.

Die Expertise rät vor allem zu Veränderung und Weiterentwicklung an den Fakultäten und Standorten. Dazu gehören sowohl didaktische Verbesserungen und finanzielle Ausstattungen aufgrund der Zusammensetzung der Studierendenschaft als auch Verbesserungen im Profil der Standorte und bei den Berufsperspektiven. Interessant ist auch, dass sich die Expertise für eine stärkere Einbindung der Hintergründe der Studierendenschaft ins Studium ausspricht und auch für eine stärkere Sozialisation an den Standorten ausspricht. Gleichzeitig empfiehlt die Expertise auch die Potenziale der Absolventinnen und Absolventen in die Gemeinden und die Gesellschaft zu tragen.

Experten: Qualität verbessern und Potenziale nutzen

Dies ergibt sich zwangsläufig, da sich die Studierendenschaft von klassischen Zusammensetzungen in anderen Studienfächern deutlich unterscheiden. „Da im Vergleich zu anderen Studiengängen überdurchschnittlich viele Studierende mit relativ wenig Bildungskapital in die Universität einsteigen, ist es nötig, die Didaktik des Fachs inhaltlich und finanziell zu stärken, sodass viele Studierende zu einem erfolgreichen Abschluss geführt werden können“, so der Co-Autor der Expertise, Constantin Wagner.

„Fast drei Viertel der Studierenden der Islamischen Theologie stammen nicht aus akademischen Elternhäusern. Sie sind die Ersten in ihrer Familie, die studieren. Damit ermöglichen die islamisch-theologischen Studien an deutschen Universitäten Geschichten von Bildungsaufstieg, von gesellschaftlicher Partizipation und von sozialer Anerkennung in unserer Wissensgesellschaft. Jetzt gilt es, diese Potenziale nutzbar zu machen“, erklärt ergänzend der Geschäftsführer der AIWG, Dr. Jan Felix Engelhardt.

Motiviert sich in der Gesellschaft einzubringen – es fehlt an Möglichkeiten

Durch die Expertise sticht vor allem der Wunsch der Studierenden, gesellschaftsverändernd zu wirken, besonders hervor, insbesondere im Vergleich zur Gesamtstudierendenschaft an deutschen Hochschulen. Die Studierenden wollen einen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Jedoch nicht nur innerhalb der Berufsfelder, über die häufig diskutiert und zumeist von außen an die Studierenden herangetragen wird: Imame und Lehrerinnen für den islamischen Religionsunterricht.

Die gesamte Expertise kann über die Website der AIWG kostenlos im PDF-Format heruntergeladen werden.

Prof. Dr. Bekim Agai, Direktor der AIWG, erklärte hierzu: „Die Studie zeigt, dass die Absolvent_innen sehr motiviert sind, sich in der Gesellschaft und den Gemeinden einzubringen. Dabei ist vielen unklar, wie sie das im Rahmen von konkreten Berufen tun können. Hier kommt es jetzt auf die Akteur_innen in denjenigen Handlungsfeldern an, in denen ihre Expertise gefragt ist. Sie müssen Berufsperspektiven für ein neues Qualifikationsprofil öffnen. Hierfür kann das Fach selbst einen Beitrag leisten, indem es die eigenen Qualifikationsleistungen stärker nach außen trägt.“

Über die Publikationsreihe „AIWG-Expertisen“ und „AIWG in puncto“

Mit ihren Publikationsreihen „AIWG-Expertisen“ und „AIWG in puncto“ möchte die AIWG Wissensbedarfe zum Islam in Deutschland decken, Debatten versachlichen sowie Erkenntnislagen verbessern. Den von Expert_innen erarbeiteten Wissensstand, ihre Einschätzung und Diskussionspunkte stellt die AIWG in anschaulicher Form einer breiten Öffentlichkeit bereit. Die AIWG-Expertisen präsentieren eine vertiefte Erörterung des jeweiligen Themas. AIWG in puncto behandelt eine konkrete Fragestellung in Kurzform und stellt thesenartige Einschätzungen zur breiten Diskussion.

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