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Analyse zur Notlage: Kommt jetzt das große Moschee-sterben?

Die SCHURA Hamburg ruft in einer aktuellen Mitteilung auf ihrer Website zu Geld-Spenden für die Moscheegemeinden in der Hansestadt auf. Hintergrund ist, dass die Moscheen aufgrund von Verfügungen mit Bezug auf den Coronavirus (COVID-19) allesamt geschlossen sein müssen. Gerade kleine und unabhängige Gemeinden trifft diese Entwicklung sehr hart. Diese sind besonders stark auf Spenden aus den eigenen Gemeinden angewiesen.

Auf diesen Umstand hatte auch Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), in einem Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung vergangene Woche (19. März 2020) hingewiesen. „Vor allem nicht-türkische Moscheen werden voraussichtlich finanzielle Verluste erleiden, weil sie von den Kollekten bei den wöchentlichen Freitagsgebeten und vor allem im Ramadan leben“, sagte Mazyek gegenüber der Zeitung und erklärte die bedeute für viele Moscheen das voraussichtliche Aus.

Dies braucht eine Analyse und mehr Aufmerksamkeit.

Alle muslimischen Gemeinden betroffen

Tatsächlich trifft die Corona-Krise muslimische Gemeinden in Deutschland sehr hart. Das muslimische Leben wird virtualisiert, Muslime verrichten ihre Gebete zu Hause. Gemeinschaftlicher Austausch findet nur noch höchstens über Video-Telefonie statt. Ersatzangebote bilden auch keinen wahren spirituellen Charakter, weil es an einer gemeinschaftlichen Teilnahme fehlt. Dazu kommt, dass viele Gemeinden und Vereine die Digitalisierung auch weitestgehend verschlafen haben. Ersatzangebote werden schnell aufgebaut, ohne sie didaktisch überprüft zu haben.

Die finanziellen Auswirkungen lassen sich jedoch bei Weitem noch nicht ermessen. Das liegt auch an den unterschiedlichen Organisationsgraden und Abhängigkeiten in den Moscheegemeinden. Zwar hat Mazyek recht, wenn er behauptet, die Krise würde nicht-türkische Gemeinden stärker betreffen, allerdings sind diese trotzdem davon betroffen. Unter Umständen sogar stärker, weil Abhängigkeiten und Ausfälle von finanziellen Einnahmen größere Auswirkungen haben können.

Fakt ist, dass Moscheegemeinden, die sich größtenteils von Spenden aus ihrer Gemeinde finanzieren, aktuell mit sehr hohen Ausfällen zurechtkommen müssen, die sie auch nicht einfach kompensieren können. Moscheegemeinden, die sich beispielsweise durch staatliche Systeme in der Türkei oder anderswo Co-finanzieren lassen, können zwar Ausfälle besser verkraften, aber auch nur bis zu einem gewissen Rahmen.

Einschätzungen zur Situation bei muslimischen Dachverbänden

Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB)

Zentrale Dachorganisationen, wie beispielsweise die DITIB, bieten in Not geratenen Gemeinden zwar Unterstützung an, allerdings kann auch ein Dachverband nicht sämtliche Ausfälle kompensieren. Oft sind vor allem Gemeinden, die gerade mitten in Umbau und Neustrukturierung standen von finanziellen Problemen besonders stark betroffen. Gerade kleinere Gemeinden dürften nicht das Problem haben, ihren Imam weiterzuzahlen (weil staatlich aus der Türkei bestellt), sondern ihre Miete für das Gebäude oder Zahlungen für die Baufinanzierung. Hier müsste der türkische Staat in Form der Religionsbehörde womöglich unterstützend eingreifen, will man ein Sterben der Gemeinden verhindern.

Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG)

Bei der IGMG sind Verwaltung der Moscheegebäude und Gemeinden meistgehend getrennt organisiert. Allerdings sind die Gemeinden oft auch so aufgestellt, dass sie vor allem als Mieter eines Gebäudes der Gebäudeverwaltungsgesellschaft EMUG auftreten. Ausfälle können hier daher gesondert verbucht und kompensiert werden, es sei denn der Vermieter würde die Durchsetzung der Miete erwägen (was in der Krise eher unwahrscheinlich erscheint). In größeren Städten haben die IGMG-Gemeinden auch andere Einnahmequellen aufgebaut.

Teilweise sind Moscheegemeinden auch unabhängiger von der EMUG aufgestellt worden. Beispielsweise können hier durch Mieteinnahmen und Immobilien Ausfälle in den Spenden kompensiert werden. Die Zentrale der IGMG dürfte jedoch zu Hilfs- und Unterstützungsprojekten zurückgreifen und Aufrufe für Spenden für kleinere Gemeinden organisieren, weil sie durch die Mitgliedsbeiträge und Einnahmen aus sonstigen Geschäften, nicht alle Ausfälle kompensieren kann.

Verband Islamischer Kulturzentren (VIKZ)

Der VIKZ kann aufgrund seiner Organisationsstruktur die Probleme vermutlich weitestgehend kompensieren. Allerdings bleiben die tatsächlichen Sachlagen bei diesem Verband auch undurchsichtig. Der VIKZ muss vermutlich – als Dachverband – eventuell teile seines millionenschweren Neubaus verschieben, falls die Probleme in den Gemeinden vor Ort zunehmen und größer werden. Der Geldfluss über Spenden durch Gemeindemitglieder sollte weitestgehend stabil und gewährt bleiben.

Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD)

Der ZMD dürfte hingegen massiv unter den jüngsten Problemen leiden. Die Organisation sieht für ihre Mitgliedsgemeinden eigentlich keine zentrale Lösung an, könnte selbst mit den geringen finanziellen Mitteln und Rahmenbedingungen auch nichts ausrichten. Dazu kommt, dass die Verbände im Zentralrat weitestgehend auch autarker organisiert sind und teilweise auch im Clinch liegen.

Nimmt man die als muslimbrudernah geltende Deutsche Muslimische Gemeinschaft (DMG) und die als türkische Nationalisten geltende ATIB aus der Rechnung raus, weil sie gerade angefeindet und mit ruhenden Mitgliedschaften angemahnt werden, dürfte der ZMD massive Verluste in der weiteren Zahl seiner Mitgliedsorganisationen erleiden. Die nicht einsehbare Liste dürfte stark schrumpfen, wenn die Krise länger anhält. Einzig die schiitischen Organisationen, die dem iranischen Staat nahestehen, würden das Moscheesterben überstehen.

Moschee-sterben könnte bevorstehen – Einfluss von außen auf Gemeinden könnte zunehmen

Nicht-organisierte kleinere Gemeinden könnten ihr Überleben nur dadurch sichern, dass ihre Gemeindemitglieder weiterhin Spenden aufbringen. Dafür braucht es aber auch starke Identifikation mit den Gemeinden und gegenseitige Unterstützung. Außerhalb eines extremistischen Spektrums dürfte dies aber sehr schwer zu erreichen sein. Altruismus prägt schon länger nicht mehr die muslimische Moschee-Szene. Tatsächlich geht es auch bei den kleinen Gemeinden um Machtkämpfe und Deutungshoheit. Und die Spendenbereitschaft der Moscheegänger ist in den vergangenen Jahren – auch lange Zeit vor Corona – stetig zurückgegangen.

Insgesamt könnte die Corona-Krise für viele kleinere Moscheen das endgültige Aus bedeuten. Größere Verbände müssten mit Schrumpfungen in den Gemeindezahlen rechnen, auch weil gerade sehr stark in finanzielle Nöte geratene Gemeinden sich nicht einfach retten lassen. Auswege wären ausschließlich in der Masse durch staatliche Eingriffe und Unterstützungsprogramme möglich. Deutschland hat jedoch im geplanten Nachtragshaushalt keinen Handlungsbedarf für solche Fälle vorgesehen.

Die Türkei, einige Nordafrikanische Staaten und mehrere Emirate aus dem arabischen Raum könnten daher in der Not einspringen. Im Zweifelsfall könnte es aber auch sein, dass die wahhabitische Form des Islam, ein Export-Produkt aus Saudi-Arabien, erneut eine Renaissance erfährt. Gerade in Krisen-Zeiten suchen solche Staaten auch die Möglichkeit für mehr Einfluss in den muslimischen Gemeinden. Ein weiterer Akteur aus diesen Kreisen tauchte im vergangenen Jahr erstmals öffentlich in der muslimischen Szene auf: der russisch-orthodox geprägte Islam.

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1 Anwort auf „Analyse zur Notlage: Kommt jetzt das große Moschee-sterben?“

Gute Einschätzungen und lieben Dank für die Aufmerksamkeit auf dieses Thema. Unsere Moscheen in Hamburg haben einen Aufruf gestartet. Man kann auch über Paypal spenden. Lasst uns gemeinsam helfen. Barek Allahu feek.

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