Wir suchen immer wieder im Koran al Karim nach Trost. Manchmal genügt bereits die einfache Rezitation des Koran, um in unseren Herzen Ruhe zu finden. Manchmal lesen wir uns tiefer in die Verse hinein und suchen nach Stellen, an denen wir uns festhalten und orientieren können. Wir suchen nach Hoffnung, nach Versen, die uns eine Inspiration sein können. Wir suchen nach Versen, die eine Antwort für unseren Kummer bereithalten und sich lindernd über unsere Seelen ergießen.

Auch wenn es viele Stellen im Koran gibt, die man als Beispiel für einen solchen Trost anführen könnte, so bewegen mich persönlich beim Lesen immer wieder Stellen, die sich dem Propheten Muhammad (saw) zuwenden, ihn direkt ansprechen und Trost spenden sollen. Eine solche Stelle findet sich beispielsweise im Kapitel (Sura) Hidschr. Dort heißt es in den Versen 86 – 88:

Wahrlich, dein Herr ist der Schöpfer, der Allwissende.

إِنَّ رَبَّكَ هُوَ الْخَلَّـقُ الْعَلِيمُ

Und Wir gaben dir wahrlich die sieben zu wiederholenden (Verse) und den großartigen Koran.

وَلَقَدْ ءاتَيْنَـكَ سَبْعًا مِّنَ الْمَثَانِي وَالْقُرْءَانَ الْعَظِيمَ

Richte deine Augen nicht neidisch auf das, was Wir manchen von ihnen gaben, und sei auch nicht traurig ihretwegen; Senke deine Flügel über die Gläubigen.

لاَ تَمُدَّنَّ عَيْنَيْكَ إِلَى مَا مَتَّعْنَا بِهِ أَزْوَاجًا مِّنْهُمْ وَلاَ تَحْزَنْ عَلَيْهِمْ وَاخْفِضْ جَنَاحَكَ لِلْمُؤْمِنِينَ

Es mag vielleicht merkwürdig erscheinen, dass ein Prophet (saw) neidisch blicken oder betrübt sein kann. Denn Propheten (as) gelten im Islam als fehlerfrei. Dies ist aber eine absichtlich so gewählte Ermahnung und darf in diesem Kontext nicht so verstanden werden, als hätte der Prophet Muhammad (saw) einen Fehler begangen oder sich fehlerhaft verhalten.

Der Koran will mit diesen Worten vielmehr darauf hinweisen, dass Propheten (as) Menschen sind und die Menschen, die ihn hören und verstehen, anhand der gewählten Worte zu einer besonderen Moral erziehen. Dies geschieht auch dadurch, dass der Koran die Menschen direkt anspricht und ermahnt. Und schließlich soll der Prophet Muhammad (saw) auch selbst Trost spenden.

Wahrer Reichtum ist nicht materieller Natur

In diesem Fall ermahnt der Koran den Propheten (saw) dazu, nicht betrübt zu sein. Es geht dabei um das, was einige reiche und unverschämte Familien in Mekka besitzen. Der Prophet (saw) wird dazu aufgefordert, seinen Blick von diesem vermeintlichen Reichtum abzuwenden. Er soll sich stattdessen gutmütig, barmherzig und verständnisvoll um seine eigene Gemeinschaft kümmern. Seine “Flügel” über die Gläubigen senken.

Die Gemeinschaft des Propheten (saw) – dies ist wichtig zu wissen – bestand zumeist aus den sozial schwachen und bedürftigen Personen Mekkas. Sie waren Gläubige, aber sie waren, gemessen an sozialer Stärke und finanziellem Vermögen, arm und schwach. Und an diesem Punkt setzt der Vers 88 an. Allah (swt) ermahnt hier seinen Propheten (saw) und gleichzeitig die Gläubigen. Sie sollen wahren Reichtum nicht mit materiellem Reichtum verwechseln. Er fordert sowohl seinen Propheten (saw) als auch die Muslime dazu auf, sich vor diesem falschen Reichtum zu hüten und sich nicht blenden zu lassen.

Gemeinsam nach Lösungen suchen

Dieser Aufruf ist dabei zugleich ein wichtiger Hinweis darauf, dass der Islam die sozioökonomischen Ungleichgewichte, damals wie heute, sehr wohl zur Kenntnis nimmt. Der Koran verweist darauf, dass der Islam keine Bewegung ist, die auf Eifersucht und emotionalen Reaktionen basiert. Vielmehr ruft der Koran die Gläubigen und seinen Gesandten (saw) dazu auf, angesichts solcher (ökonomischen wie gesellschaftlichen) Ungleichgewichte nicht zu verzweifeln und einen klaren Kopf zu behalten. Nur so ist der Wandel einer ungerechten Gesellschaftsordnung möglich.

Gegen sozioökonomische Ungerechtigkeit muss man gemeinsam nach Lösungen suchen. Es ist daher (zunächst) wichtiger, sich um die eigene Gemeinschaft, in diesem Fall um die Gläubigen und Bedürftigen, zu kümmern. Der Koran ist dabei die Anleitung und gleichzeitig das Geschenk, welches Helfen soll diese Ungleichgewichte wieder aufzuheben. Der Koran bietet sich dabei den Zuhörern und Lesern direkt an. Sie können sich an ihm orientieren und festhalten.

Die sieben oft zitierten Verse des Koran al Karim

Gleichzeitig gibt der Koran im Vers 87 eine weitere Orientierung an. Dort werden die „sieben oft zitierten Verse“ (الْمَثَانِي) genannt. Die Mehrheitsmeinung* unter den Gelehrten versteht hierunter das erste Kapitel im Koran, die Sura al-Fatiha (Die Eröffnende). Diese Sura zeichnet sich durch verschiedene Punkte aus. Sie wird bei jedem Gebet rezitiert. Sie lobpreist Allah (swt) und stellt ein Bittgebet um Rechtleitung dar.

Die al-Fatiha bewegt beim Gebet, sie berührt das Herz und sie erneuert immer wieder das Gedenken an Allah (swt). Sie ist eine Kernbotschaft, die nicht nur in Mekka, sondern auch ein zweites Mal in Medina, offenbart wurde. Die al-Fatiha hat daher eine besondere Stellung im Islam und im Leben der Muslime. Sie soll Trost spenden, Hoffnung geben und ist mit dem großartigen Koran eine wichtige Säule für das eigene Leben.

Die al-Fatiha bietet Hoffnung und Kraft für die Gläubigen

In der al-Fatiha heißt es beispielsweise: „Dir dienen wir und Dich allein bitten wir um Hilfe. Leite uns den rechten Weg, den Weg derer, denen Du gnädig bist, nicht derer, denen Du zürnst, und nicht der Irrenden.“ Es sind solche Bittgebete, die den Muslimen Hoffnung und Kraft geben können und sollen. Sie müssen sich nur der Strahlkraft der koranischen Worte bewusst werden und sich selbst bemühen. Hier weist der Koran direkt auf Teile von sich selbst hin, die er als besonders wichtig erachtet.

Und das Wichtige bei dieser Betrachtung ist: Die al-Fatiha und der Koran sind beständig. Sie sind da und wir können sie jederzeit lesen und verinnerlichen. Sie gründen den wahren Reichtum der Gläubigen. Die al-Fatiha und der Koran sind das Tor zur ewigen Glückseligkeit. Welchen Wert haben da materielle Dinge und sonstige (Wert-)Gegenstände? Reichtum ist im Angesicht von Glückseligkeit nichts wert. Konsumgeilheit kann keine seelische Zufriedenheit leisten.

Und der Tafsir-Gelehrte (Exeget) Tabari fasst es in seiner Erläuterung zu den oben genannten drei Versen, einfach zusammen: Über den „Reichtum“ anderer braucht man nicht traurig zu sein.

*Eine Mindermeinung unter den Gelehrten sieht hier, dies sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt, sieben längere Kapitel aus dem Koran gemeint. Ibn Masud, Ibn Umar, Ibn Abbas, Mujahid, Said bin Jubayr, Ad-Dahhak und andere verstehen hier die langen Kapitel (Sura) im Koran, wie die Sura Al-Baqarah, Al-Imran, An-Nisa, Al-Maidah, A-Anam, Al-Araf und Yunus. Die Mehrheitsmeinung gründet sich allerdings auch auf als sahih (authentisch) einzustufenden Überlieferungen. Mehr zu dieser Thematik findet sich ausführlich im Tafsir von Ibn Kathir.

Für diesen Beitrag wurden als Quellen benutzt: Diyanet Vakfı tefsiri und Tafsir Ibn Kathir

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