Die Türkei möchte, nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung, drei türkische Schulen in Deutschland betreiben. Als mögliche Standorte werden Berlin, Frankfurt am Main und Köln genannt. Eine sog. ausländische Schule oder internationale Schule ist nach deutschem Recht möglich und wird aktuell auch von etwa 20 Staaten aus aller Welt in Anspruch genommen. Nur die wenigsten Menschen wissen, dass es beispielsweise in Nordrhein-Westfalen verschiedene griechische, japanische oder britische Schulen gibt. Das Anliegen der Türkei wurde bisher ignoriert und wird erst seit Sommer 2019 verhandelt. Die aktuelle Debatte ist das Resultat verschiedener integrationspolitischer Versäumnisse unserer Politik.

Das Anliegen der Türkei ist legitim und richtig. Mit Blick auf die Kompetenz bei den Bundesländern in Schulangelegenheiten ist das Anliegen auch in den Rahmen der gültigen Schulgesetze durchführbar. Weniger das Anliegen als mehr der Urheber des Anliegens sorgt in Deutschland jedoch für Schnappatmung. Erneut wird dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan unterstellt, er wolle die Integration in Deutschland gefährden und mit den Schulen eine Art fünfte Kolonne aufbauen, um Deutschland zu infiltrieren. Das sind allesamt Vorurteile und Übertreibungen, die mit der Sache an sich nichts zu tun haben.

Die türkische Sprache wird in Deutschland verachtet

Die türkische Sprache genießt in Deutschland weiterhin ein Nischendasein und wird verachtet. Muttersprachlicher Unterricht wird in vielen Bundesländern nur einmal die Woche durch konsularische Betreuung erteilt, in einigen Bundesländern gibt es überhaupt kein entsprechendes Angebot. Schulen, die Mehrsprachigkeit fördern sind ebenfalls Mangelware. Dabei ist türkisch als Sprache nicht nur identitätsstiftend, sondern auch Kulturgut. Wir haben jedoch immer wieder das Problem, dass die Muttersprache selbst nicht ausreichend von den Kindern gelernt werden kann, weil es an entsprechenden Angeboten fehlt.

Auf der Ebene des Sprachlichen haben es Bundesregierung und Länder versäumt Angebote einzurichten, die sich am Bedarf orientieren und eine Anerkennung der Sprache darstellen. Erst vor ein paar Jahren hat Berlin beispielsweise überhaupt das Thema im Abgeordnetenhaus aufgenommen, um einen Ersatz oder eine Alternative zum konsularischen Unterricht aufzubauen. Das Resultat ist, dass es jetzt auch Türkisch-Unterricht in Moscheen gibt, weil die türkisch-Lehrkräfte sonst nur noch Däumchen drehen.

In Hamburg gibt es hingegen ähnliche Bemühungen, wie in Berlin, allerdings auch mit interessanten bildungspolitischen Entscheidungen: Mittlerweile gibt es nicht mal mehr die Möglichkeit an der Universität Türkisch-Lehrer auszubilden. Gespart wird immer bei diesen Themen und dann wird sich darüber beklagt, dass es einen vermeintlich sehr starken Einfluss aus dem Ausland auf die Menschen gäbe. Die Versäumnisse dieser türkisch-verachtenden Politik fallen uns immer wieder auf die Füße.

Türkische Schule als Alternative – Angebote als „Rassismus“-freie Räume

Auf der anderen Seite gibt es einen Aspekt, der bei den Diskussionen um diese Schulen immer wieder vergessen wird. Schon seit geraumer Zeit gibt es Versuche Privatschulen, insbesondere für die türkische oder muslimische Klientel, zu etablieren. Das sind teilweise Grund- aber auch weiterführende Schulen und Gymnasien, die bereits jetzt da sind. Diese Schulen kosten zusätzliches Geld. Und nicht jede Familie kann sich das leisten. Über die Qualität dieser Privatschulen lässt sich freilich streiten, obwohl die Curricula identisch denen der staatlichen Schulen sein sollen. Diese Schulen haben allerdings einen Vorteil, den sie auch immer wieder gegenüber Familien ausspielen: Sie sind ein von „Rassismus“ freier Raum. Jedenfalls spielen sie diese Karte sehr gekonnt aus.

Tatsächlich müssen sich Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund noch heute an Schulen rassistische Sprüche und rassistisch motivierte Einschätzungen von Lehrkörpern gefallen lassen. Die Erfahrung der meisten Menschen mit Migrationshintergrund ist und bleibt die Erfahrung, dass man selbst mit den besten Noten, nur eine Empfehlung für eine Realschule oder die Stadtteilschule erhält, nicht aber für das Gymnasium. Solange die Abhängigkeit des Bildungserfolgs, wie es die PISA-Studie Jahr für Jahr aufdeckt, weiterhin an deutschen Schulen von der Herkunft abhängt, bleiben ausländische Schulen, auch türkische Schulen, eine gewünschte und bevorzugte Alternative, weil sie das rassistische System an öffentlichen Schulen durchbrechen können.

In der aktuellen Debatte sollte es daher nicht darum gehen, ob die Türkei eine türkische Schule haben möchte, sondern um die Frage, warum der Bedarf und der Wunsch auch in einem großen Teil der Bevölkerung in Deutschland nach solchen Schulen existiert. Und solange die Bildungspolitik in diesem Land lieber über frühere Sprachtests als über echte Verbesserungen für Schulen und Betroffene nachdenkt, bleiben ausländische Schulen auch weiterhin ein Thema.

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