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Wie feiern Muslime Silvester und Neujahr?

Auch Muslime feiern Silvester und Neujahr. In den verganenen Jahrzehnten haben sich sogar eigenständige kulturelle Eigenheiten bei Silvester- und Neujahrsfeiern etabliert. Für den ersten Beitrag beim Neustart dieses Blogs habe ich deshalb dieses Thema ausgewählt.

Die meisten Muslime in Deutschland feiern Silvester ganz klassisch. Entweder gehen sie auf eine Silvester-Party oder sie feiern mit der Familie und/oder Freunden. Dabei fließt bei den meisten Muslimen in Deutschland – auch wenn es religiös verboten ist – Alkohol, ebenso wie es auch viele Spiele gibt oder auch ganz klassisch der Film „Dinner for One“ geschaut wird. Silvester ist auch eine Zeit, in der muslimisch geprägte Silvesterabende mit Tanz, Buffets und Verlosungen ihren Höhepunkt erleben.

Das neue Jahr wird oft mit Feuerwerk in Empfang genommen. Die Wahrheit der heterogenen Masse von Muslimen in Deutschland besteht entsprechend aus mehr, als uns Medien oder Verbandsmuslime berichten. Abfällig wird von „Kulturmuslimen“ oder eben von „Sündern“ gesprochen. Die meisten Muslime feiern jedoch wie alle anderen auch in Deutschland – unbehelligt und als Individuen. Dies vorausgeschickt sei angemerkt, dass sich dieser Beitrag mit neuen Traditionen aus dem Spektrum des organisierten Islam beschäftigt.

Eigene Rituale und alternative Programme im organisierten Islam

Davon abgesehen haben sich in Verbandsstrukturen und einzeln organisierten Gemeinden in Deutschland eigene Rituale und Programme zu Silvester und Neujahr gebildet und etabliert. Diese Programme sind aus heutiger Sicht als kritische Alternativen zu Feuerwerk und Co. zu betrachten. Sie sind die ersten von Muslimen organisierten Versuche, sich der Verschwendung und der Umweltverschmutzung zu widersetzen und etwas Alternatives für die eigenen Gemeindemitglieder und Jugendlichen zu bieten.

Abgesehen von der klassischen Kritik, dass Muslime nicht integrierbar seien, bedeuten die alternativen Angebote faktisch eine Systemkritik. Der Verbandsislam hat Verschwendung, Zerstörung der Umwelt und Gesundheitsgefährdung in Zusammenhang mit Alkohol und Drogen einen entschiedenen Kampf angesagt. Viele Moscheen und Gemeinden haben die alternativen Programme auch nur deshalb aufgezogen, damit die eigenen Jugendlichen an Silvester oder Neujahr nicht in Versuchung geraten.

Abgrenzung und Wahrung der eigenen Identität

Gleichzeitig dienten und dienen diese Veranstaltungen auch der Abgrenzung und der Wahrung eigener kultureller und identitätsstiftender Gepflogenheiten. Bis heute wird in alternativen Abenden immer wieder in solchen Runden ein Gegenmodell zur offenen Gesellschaft propagiert. Die Distanzierung erfolgt meist sehr subtil. Integrativ sind solche Abende bis heute meistens nicht, obwohl es diesbezüglich erste Ansätze und Ideen gibt. Diese haben sich jedoch (noch) nicht durchgesetzt.

Alternative Programme an Silvester oder Neujahr laufen meist nach den gleichen Schemata ab. Anders als früher nehmen heute außerdem häufiger auch ältere Generationen an gemeinsamen Abenden teil. Auf Geschlechtertrennung wird weiterhin bei meist konservativen Verbänden viel Wert gelegt. Entsprechend gibt es gesonderte Veranstaltungen für Frauen, die in der Nähe der Männerveranstaltungen sind. Dies stärkt auf einer Ebene auch den Zusammenhalt zwischen den Generationen, es fördert aber weiterhin die Separierung von Frauen in den Gemeinden.

Rahmenprogramm und Motive

Zum Rahmenprogramm gehören häufig Vorträge, Spiele, Wettbewerbe, Verlosungen, religiöse Gesänge (Nasheeds), Koranrezitationen, Bittgebete, Spenden und vor allem ein großes Wiedersehen mit alten Weggefährten und Freunden. Denn auch diese Abende sind für die Gemeinden ein willkommener Anlass ihre Mitglieder an Silvester und Neujahr zusammenzubringen und so stärker an die eigene Gemeinschaft zu binden. Inhaltlich sind solche Veranstaltungen oft stark identitätsstiftend ausgerichtet.

Ein beliebtes Motiv für solche Abende bleibt auch die Eroberung Mekkas, welche zwischen Dezember und Januar (629-630) bzw. zwischen dem 10. und 20. Ramadan im achten Jahr der Hidschra erfolgt ist. Dies auch deshalb, weil es eine religiöse Legitimation für den Abend aus der Prophetenbiografie herleitet. Vielfach ist die Kritik an solchen Abenden auch aus streng literalistisch orientierten Muslimkreisen, dass es sich um eine religiöse Neuerung (bida) handelt.

Andererseits wird häufig in exklusivistischen Kreisen auch das Narrativ der ausgewählten Gemeinschaft bemüht. Es gibt Berichte über Wohltätigkeiten und Aktionen, die man als Gemeinschaft oder Gemeinde organisiert hat. Entsprechend wird auch Werbung für die eigene Arbeit und Organisation gemacht und es wird dazu aufgerufen, sich als Mitglied an dieser Arbeit zu beteiligen oder gleich für eine bestimmte Aktion zu spenden.

Spendenbereitschaft von Muslimen an Silvester und Neujahr

Der Jahreswechsel wird auch als Anlass genommen, um eigene Spendenprogramme stärker in den Fokus zu heben. Es gibt schon seit Jahrzehnten Bemühungen darum, Muslime in den Gemeinden dazu zu bringen, statt Böller zu kaufen ihr Geld lieber zu spenden. Ein Motiv beispielsweise aus Hamburg lautet: Spenden statt Böllern. Tatsächlich werden an solchen Abenden vor allem Winterhilfsaktionen bei humanitären Hilfsorganisationen hochgehalten.

Auch zum Jahreswechsel gibt es Besonderheiten. In einigen Gemeinden werden extra an Silvester- und Neujahrsaktionen Spenden für bestimmte Zwecke in den Vordergrund gestellt. Das hat auch mit einer einzigartigen Möglichkeit zu tun, die man mit dem Jahreswechsel verbinden kann: Sich selbst zur Rechenschaft ziehen. Viele Muslime blicken – auch mit einem kleinen Anstupser durch Vorträge und Predigten – auf das vergangene Jahr zurück und überlegen, was sie falsch gemacht haben und was sie verbessern können. Spenden sind da nur eine Möglichkeit einen positiven Beitrag zu leisten.

Traditionelles Aufräumen am Neujahrsmorgen

Am frühen Morgen des Neujahrstages treffen sich traditionell Jugendliche der Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) um gemeinsam die Straßen vom Silvester-Müll zu befreien. Die Aktion der AMJ gibt es schon seit mehreren Jahren und sie hat sich etabliert. So gut sogar, dass mittlerweile andere Organisationen, Gemeinden und Verbände auf den Zug aufgesprungen sind. Immer mehr muslimische Aktionen für einen Neujahrsputz sprießen aktuell in der gesamten Landschaft hervor.

Während jedoch bei der Ahmadiyya Muslim Jamaat auch immer betont wird, dass diese Aktion auch ein Ausdruck der Vaterlandsliebe zu Deutschland sei, hört man von diesem Motiv bei anderen Organisationen meist wenig. Es geht aber bei allen Aktionen oft nur darum, dass Viertel oder den Ort wo man selbst dazugehört, wieder herzurichten und vom Müll zu befreien. Eine schöne Aktion, die auch immer wieder in den Rändern der Zeitungen Erwähnungen finden.

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