Nachdem der Bundesinnenminister Thomas de Maiziere die Internationale Humanitäre Hilfsorganisation (IHH) verboten hat, gab es zwei ganze Tage lang richtig viele Meldungen zur Angelegenheit. Während durchweg alle Medien die offensichtlich falsche Behauptung “Innenminister verbietet HAMAS-Spendenverein” aufgriffen und somit zu einer Verzerrung der Vorwürfe beitrugen, gab es vor allem in der Blogosphäre harsche Kritik an der Entscheidung des Innenministers.
Allerdings muss man sagen, dass die Empörung sich in Grenzen hielt. Tatsächlich hat sich nur ein Verband wirklich zu dem Sachverhalt geäußert, allerdings aber auch deshalb, weil man selbst betroffen war. In der restlichen muslimischen Organisationslandschaft – Funkstille.
Dabei hätte es durchaus zu Erklärungen und Solidaritätsbekundungen kommen müssen. Denn die Begründung des IHH-Verbots macht es ja geradezu deutlich, dass hier der Innenminister einen Verein verbietet, weil dieser in Gaza Hilfe leistet. Viele weitere Vereine, vor allem muslimische, sind aus diesem Grund eigentlich selbst sogar betroffen. Denn die Auslegung des Innenministers, dass in Gaza geleistete Hilfe automatisch der HAMAS zu Gute kommt, lässt sich auf alle Hilfsorganisationen übertragen und gefährdet diese in ihrer Existenz.
Muslimische Verstummung
Wo bleibt also die Kritik? Wo bleiben also die Bekundungen und die Unterstützung?
Tatsächlich ist es so, dass etablierte Organisationen nicht einmal den Mumm haben so aufzutreten, wie der unter ständigem Extremismus-Verdacht aufgezeigte Schiit Yavuz Özoguz. Anders als viele “Hoffnungsträger” und “Vertreter des Islam” hat Özoguz die Zeichen der Zeit erkannt und neben einem Interview [1] mit dem ehemaligen Vorsitzenden der IHH, Mustafa Yoldas, auch seine gesamte Community dazu angeregt ihre Kritik in Worte zu fassen. Mit beeindruckendem Erfolg.
Daneben hat sich Özoguz auch in weiteren Medien zu Wort gemeldet und das Verbot harsch kritisiert. [2]
Das ist für Diejenigen, die meinen die muslimische Meinung und die Basis zu vertreten, beschämend. Denn hier zeigt ein einzelner Mann, wie man es richtig macht. Ich bin zwar kein Freund von Herrn Özoguz, aber er hat meinen hochachtungsvollen Respekt! Von diesem Mann kann man sich ruhig eine Scheibe abschneiden.
Die Muslime sind insgesamt beim Thema des IHH-Verbots einfach nur beschämend. Es wird geschwiegen und damit wird das Verbot indirekt unterstützt. Denn wenn man nichts sagt, dann lässt man die IHH alleine, man lässt zu, dass sie ohne Widerstand aus schadenfeinigen Argumenten heraus verboten wird. Das ist eine Ungerechtigkeit die man so als Muslim nicht stehen lassen kann und darf…
Mediale Verstummung
Ein interessantes Detail übrigens in der ganzen Angelegenheit ist, dass sämtliche deutschsprachige Medien die komplette Erklärung des Innenministers quasi übernommen haben, aber einer Gegenmeinung vom ehemaligen Vorsitzenden der IHH keinen Platz einräumten. Zur Presskonferenz eingeladen waren alle Medien, es erschienen allerdings nur ein paar Journalisten und die Mehrheit davon, druckte nichts von dem ab, was Yoldas da in Berlin erklärt hat. Für die eigene Sicht der Dinge, interessierte sich mal wieder Niemand. Allerdings muss man hoch anerkennen, dass die taz wieder da war und über das Geschehen ausführlicher als viele andere und auch objektiver berichtete. [3]
Es gibt aber wohl auch eine mediale Verschwörung. Denn der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu kritisierte das IHH-Verbot vor einigen Tagen. [4] Die Nachricht wurde zwar über Agenturmeldungen der dpa vermeldet, aber in der deutschsprachigen Medienlandschaft wurde sie nicht aufgegriffen. Dabei hätte es durchaus Sinn gemacht sich mal die Worte des türkischen Außenministers genau durchzulesen. Es war eine fundamentale Kritik an der Sicherheitspolitik Deutschlands und zu dem eine Klatsche ins Gesicht des Innenministers.
Fußnoten
[1] http://www.muslim-markt.de/interview/2010/yoldas.htm
[2] http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=15413
[3] http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/hamas-spendenverein-verteidigt-sich/
[4] http://www.igmg.de/nachrichten/artikel/2010/07/24/tuerkischer-aussenminister-davutoglu-kritisiert-ihh-verbot.html
Etwas in der Art wollte ich auch noch schreiben – es ist beschämend, dass die anderen muslimischen Organisationen sich wegducken. Ob sie Niemöller kennen?
Özoguz – ich teile nicht immer seine Meinung, schätze ihn aber für seinen aufrechten Gang. Gerade in dieser Angelegenheit beweist er mal wieder, was es bedeutet, wenn ein Muslim wirklich nur Allah fürchtet und nicht die Menschen. Möge Allah ihn dafür belohnen!
Traurig finde ich es insbesondere, dass weder von Muslime helfen noch von Islamic Relief ein Wort kam. Haben sie solche Angst und meinen sie, Schweigen würde sie vor dem gleichen Schicksal bewahren?